Glauben Sie an den wertvollen Dachbodenfund und echte Kunst per Zufall zu entdecken?

Ja?

Dann geht es Ihnen wie der Mehrheit der Deutschen. Wie bei Lottospielern der Traum vom großen Lottogewinn wider jedes mathematisch-statistische Verständnis ankommt, so ist dies ähnlich bei der Hoffnung, etwas ganz besonders wertvolles auf einem Dachboden gefunden zu haben. Das sind psychologische Effekte, welche wir alle teilen und die bei uns allen unbewusst wirken.

Mit den Suchbegriffen „Dachbodenfund + Kunst“ erhält man bei google unglaubliche 296.000 Ergebnisse. Was da wohl von den Speichern der Nation geschleppt wird? Fernsehsendungen wie „Kunst und Krempel“ befeuern diese Idee der seltenen Objekte, die endlich wieder gefunden wurden. Sie suggerieren dem Zuschauer, das häufig eintretende Ereignis von wertvollen Kunstgegenständen, die Jahre lang unentdeckt in Familienbesitz schlummerten.

Was ist ein Dachbodenfund?

Als Dachbodenfund wird allgemein das Entdecken eines Gegenstandes auf dem Speicher eines privaten Haushaltes bezeichnet. In der Regel ist dies jedoch nicht der Haushalt des Finders. Allerdings muss der Ort auch nicht zwingend der Dachboden sein. Der Gegenstand könnte so auch an einem anderen Lagerort wie der Garage oder dem Keller eines Privathaushaltes gefunden worden sein. Meist steht der Dachbodenfund im Zusammenhang mit Erbschaften, Nachlässen oder Wohnungsauflösungen. Dadurch impliziert er auch das Nichtwissen um den gefundenen Kunstgegenstand als solchen. Alle Angaben zum Fund, wie zum Beispiel eine Rechnung, sind dem Finder nicht zugänglich und erfordern eine zusätzliche Recherche. Der „Flohmarktfund“ hat im Übrigen die gleichen Eigenschaften.

Was bedeutet Dachbodenfund beim Verkauf?

Auf eBay-Kleinanzeigen erhalte ich aktuell in der Kategorie Kunst und Antiquitäten 1.981 Treffer für den Begriff „Dachbodenfund“ in Deutschland. Das bedeutet, dass dieser Begriff im Titel der Anzeige verwendet wurde. Warum sollten also so viele Menschen den Ort, wo Sie das angebotene Kunstwerk her haben, in die Suchbegriffe für die Anzeige schreiben? Doch nur, wenn Sie meinen

a) wirklich viele andere Menschen suchen nach dem Begriff

und / oder

b) dieser Herkunftsort ist ein attraktives Merkmal für den zu verkaufenden Gegenstand.

Laut google ad words wurde das Keyword „Dachbodenfund“ im letzten Jahr um 500x pro Monat in Deutschland gesucht. Das ist nicht viel. Annahme a) kann folglich nicht bestätigt werden und führt nicht zum Ziel, mit dem Begriff viele Interessenten auf das Verkaufsangebot zu locken. Zum Vergleich: das Keyword „Kunst“ wurde bis 100.000 Mal pro Monat bei google in Deutschland gesucht.

Also scheint die Verwendung dieses Suchbegriffs in einem Verkaufsangebot eine andere Intention zu haben. Annahme b) gibt hier eine validere Erklärung für die Verwendung des Suchwortes „Dachbodenfund“ im Titel einer Verkaufsanzeige. 

Was bezweckt aber nun das Merkmal „Dachbodenfund“?
  • Beschaffenheit: Das Kunstobjekt ist unbekannt und kann nicht korrekt zugeordnet werden.
  • Alter: Wenn ein Kunstwerk so lange auf dem Oberboden verschwunden war, dass niemand aus einer Familie Wissen davon hatte, dann muss es schon eine ganze Weile da gelegen haben. 
  • Unwissen über die Herkunft: Wie das Kunstwerk in den Familienbesitz und damit auf den Dachboden kam, ist dem Verkäufer weitgehend unbekannt und kann nicht belegt werden. Meist werden hier – mal mehr mal weniger – ausschweifende Vermutungen und Geschichten von Jugendfreundschaften mit großen Künstlern und deren Geschenke an die eigenen Ahnen erzählt.
  • Privatverkauf: Kunsthändler sind nach § 42 KGSG (Kulturgutschutzgesetz) zu besonderen Sorgfaltspflichten per Gesetz verpflichtet. Das heißt, kein Händler würde je mit Nichtwissen prahlen, so dass ein solches Angebot nur von privaten Anbietern ohne Fachwissen kommen kann oder von Leuten, die dieses gezielt verschleiern wollen!
 

Unter Einbeziehung der impliziten Annahmen, die mit dem Begriff einhergehen, scheint „Dachbodenfund“ tatsächlich ein attraktives, weil preissteigerndes Merkmal für den zu verkaufenden Gegenstand zu sein. Es nährt unseren Glauben an den wertvollen Zufallsfund. Weil der Verkäufer vorgibt nicht zu wissen worum es sich eigentlich handelt, meinen wir, wir können es vielleicht selbst herausfinden.

Da kommt Goldgräberstimmung auf und man wittert eine Chance.
Wir erwarten einen absoluten Glücksfall, aber mindestens eine tolle Möglichkeit, ein Schnäppchen zu machen. 

Warum glauben wir an die Mär von echter unbezahlbarer Kunst vom Speicher?

Zum einen überschätzen wir Menschen gern unsere eigene Kompetenz und meinen, schlauer zu sein als die Anderen (Dunning-Kruger-Effekt).

Zum anderen wird bei Unsicherheit durch die schnelle Verfügbarkeit von Geschichten zu wertvollen Dachbodenfunden, die sich als unbezahlbarer Schatz entpuppten, unsere Wahrnehmung verzerrt und unsere realistische Einschätzung getrübt.

Auch für dieses Phänomen hat die Psychologie einen eingängigen Namen: Als Verfügbarkeitsheuristik bezeichnet man die Fähigkeit von Menschen, mit denen diese die Wahrscheinlichkeit von Ereignissen je nach ihrer Verfügbarkeit in der Erinnerung behalten. Das wiederum heißt, wenn ihnen etwa schnell Beispiele einfallen – etwa weil sie spektakulär sind – halten sie ein solches Ereignis für häufig. Die Verfügbarkeitsheuristik besagt, dass menschliche Entscheidungen und Urteile von der kognitiven Verfügbarkeit bestimmter Informationen beeinflusst werden (Stangl, 2020).

Nun haben wir durch Medienberichte und oben erwähnte Fernsehshows zu Kunst vor allem zwei verfügbare Informationen parat. Auch diese sind eine Nachricht und Titelzeile wert:

1. Seltenes Kunstwerk wurde wiederentdeckt
2. Kunst wurde teuer in einer spektakulären Abendauktion versteigert

Keine Zeitung titelt „Wieder mal nichts mit Picasso auf dem Dachboden –  Erben tot traurig“

Das führt in der Konsequenz dazu, dass Menschen in unsicherer Faktenlage den Anteil wertvoller Kunst überschätzen. Erfolgsgeschichten wie diese kommen Ihnen viel schneller in den Sinn.

Mein Rat beim Kauf: 

Kaufen Sie keine Kunst von privaten Anbietern! Im Internet tummeln sich halbseidene Angebote, die genau auf diese psychologischen Effekte abzielen und mit Fälschungen versuchen, Kunstinteressierte zu betrügen. 

Mein vertiefender Literaturtipp von der Sachbuch-Bestenliste: Kunstfälschung – Das betrügliche Objekt der Begierde von Hubertus Butin

Nach meiner Erfahrung im Kunsthandel wissen Familien immer sehr genau, was in ihrem Besitz ist oder war. Sofern es wertvoll erschien, wurde dieses Wissen an die nächste Generation weitergegeben. Natürlich kann sich in einem seltenen Fall einmal heraus stellen, dass sich ein Künstler mit einer hohen Wertsteigerung in der Gegenwart als teurer als erwartet darstellt. In der Regel aber findet man den umgekehrten Fall und das Kunstwerk ist heute nicht mehr so viel Wert wie einst.

Es kommt praktisch nie dazu, dass – wie naheliegend in meinem Heimatort Chemnitz-Rottluff-Rabenstein – die Großmutter meiner Schulfreundin, die mit Karl Schmidt-Rottluff noch persönlich bekannt war, nun auf dem Dachboden kleine Gemälde, die mit SR signiert sind, aufgehoben und verstaut hätte, ohne dass es alle Familienmitglieder und Freunde wüssten. Wenn ein Künstler so weltberühmt wird wie der Expressionist Karl Schmidt-Rottluff, dann weiß man das in seinem weiten persönlichen Umfeld. Es werden Anekdoten erzählt und man hütet selbst seine Postkarten und Briefe wie einen Schatz. Alle Internetangebote, die Ihnen etwas anderes Glauben machen wollen, sollten Sie mit Missachtung strafen.

Wenn Sie sich über die Seriosität eines Verkaufsangebotes nicht sicher sind, lesen Sie jetzt auch meinen ausführlichen Ratgeber „KUNST SICHER IM INTERNET KAUFEN“ als E-Book:  „7 hilfreiche Tipps für smarte Kunstsammler“

Mein Rat beim Verkauf eines Dachbodenfundes: 

Wenden Sie sich an einen Kunsthändler oder ein Kunstauktionshaus Ihres Vertrauens und lassen Sie die Experten eine sorgfältige Recherche und Provenienzprüfung durchführen. Diese bildet dann das Fundament für einen erfolgreichen Verkauf.  Meist wird die recht umfangreiche Dienstleistung mit dem Verkaufserlös verrechnet, so dass Sie nicht in Vorleistung gehen müssen.

Zurück zur Ausgangsfrage 

Ich hoffe, ich konnte Ihnen mit diesem Blogbeitrag die statistische Unwahrscheinlichkeit dieses seltenen Falles, an den wir nur zu gern glauben wollen,  verdeutlichen und Sie erinnern sich an diese Informationen, wenn Sie das nächste Mal versucht sind, Ihr Geld mit dem Kauf falscher Kunst einfach zu verbrennen.

Private Verkäufer auch von Kunst werden vom Gesetzgeber schonender behandelt, so dass Verbraucher in keinster Weise so geschützt sind, wie wenn sie bei einem seriösen Kunsthändler kaufen. Gerade aus diesem Grund nutzen fragwürdige Personen wie Betrüger, Fälscher und Hehler private Verkaufsangebote, um später nicht in Haftung genommen werden zu können oder Schadenersatz leisten zu müssen. 

FAZIT

Wissen ist Macht. Vertrauen Sie bei Kauf von Kunst ausschließlich auf Experten. Wer Kunst verkaufen will und angeblich nicht mehr dazu weiß, als dass er es vom Dachboden hat und Ihnen mit Signaturen noch eine falsche Fährte legt, den sollten Sie sofort von Ihrer Beobachtungsliste streichen. 

Ihre Konstanze Wolter

Butin , H. (2020). Kunstfälschung – Das betrügliche Objekt der Begierde. Berlin: Surhkamp.
Stangl, W. (2020). Stichwort: ‚Verfügbarkeitsheuristik‘. Online Lexikon für Psychologie und Pädagogik.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.