„Er hat sich sehr unterschiedlichen Themen gewidmet, aber immer sehr intensiv.“

Eva Poll mit Ihrer Tochter Nana Poll

Galerie Poll, Berlin Mitte. Mutter Eva Poll mit Tochter Nana Poll. Foto: Mike Wolff

Eva Poll, über Lambert Maria Wintersberger, im Gespräch mit Konstanze Wolter

Im Oktober 1968 eröffnete in West-Berlin die Galerie Poll, die über viele Jahre mit Lambert Maria Wintersberger zusammenarbeitete. Konstanze Wolter hat Frau Poll im August 2018 besucht und ausgiebig über Lambert Maria Wintersberger gesprochen, der auch zum engeren Freundeskreis der Galerie Poll zählte.

  • Liebe Frau Poll, bei der Bestandsaufnahme des Kunstnachlasses von Wintersberger haben wir die ganze Literatur geprüft und geschaut, welche Bilder katalogisiert sind. Dabei ist uns aufgefallen, dass „Galerie Poll“ immer wieder auftaucht. Bereits von den Anfängen an haben Sie Wintersberger ausgestellt und in 2016 sogar eine Art Retrospektive gezeigt. Wie kam es damals zu der Zusam­men­arbeit mit Lambert Maria Wintersberger?

Das hat mit der Künstlerselbsthilfegalerie Großgörschen 35 zu tun. Lambert Maria Wintersberger war 1964 Gründungsmitglied dieser ersten Künstlerselbsthilfegalerie in Deutschland und hat dort ausgestellt. Dort haben wir uns kennengelernt. Im Gegensatz zu den anderen Großgörschen-Mitgliedern war er damals schon bekannter. Später ist er dann nach Amerika gegangen.

  • Ja, er arbeitete 1971 bis 1972 in Amerika. Wie kam es, dass Sie mit mehreren der insgesamt 16 Mitglieder von Großgörschen 35 zusammengearbeitet haben?

Mein Mann ist Jurist und hat in Tübingen, Stuttgart, Berlin und Bonn studiert. Während seiner Studienzeit in Stuttgart hat er Franz Rudolf Knubel kennengelernt. Als wir 1963 nach Berlin gekommen sind, traf mein Mann Franz Rudolf Knubel wieder. Knubel erzählte uns von Großgörschen 35 und lud uns ein, vorbeizuschauen. Von diesem Zeitpunkt an sind wir regelmäßig zu den Eröffnungen gegangen und haben uns auch mit den Künstlern in der Kneipe getroffen. Gegenüber der Hochschule der Künste in der Grunewaldstraße, wo Sorge und alle anderen studierten oder studiert hatten, gab es die Puszta-Stuben. Dort ging man abends hin und flipperte, unterhielt sich und trank. Markus Lüpertz zapfte damals noch hinter dem Tresen. Die Künstler und Kunststudenten hatten eine ehemalige Werkstatt in der Großgörschenstraße 35 im Hinterhof gemietet. Sie hatten das Ziel, dort auszustellen. Damals gab es in West-Berlin nur drei oder vier etablierte Galerien, die waren jedoch nicht an jungen oder noch studierenden Künstlern interessiert. So nahmen diese es selbst in die Hand, mieteten den besagten Raum und mussten dort alles selber machen: die Bilder aufhängen, Aufsicht führen, verkaufen und so weiter.

  • Das ist ja eigentlich ein Prototyp, eines heute sehr gängigen Modells.

Ja, Großgörschen 35 war die erste deutsche Produzentengalerie, anscheinend haben sie das erfunden, bis es dann Schule gemacht hat, denn später gab es eine ganze Menge solcher von Künstlern geführten Galerien. Nachdem jedoch jeder einmal ausgestellt hatte, ließ das Interesse so langsam nach, wie das häufig in solchen Gemeinschaften ist. Die einen wurden mit dem Studium fertig, die anderen gingen weg, und so kam es dann dazu, dass sie meinen Mann baten, Geschäftsführer zu werden.

  • Sozusagen ist die Galerie Poll aus Großgörschen herausgewachsen?

Ja. Es gab noch verschiedene Ausstellungen, wie „1 Jahr Großgörschen“ mit Katalog. Das hat mein Mann dann auch alles organisiert. Aber 1968 war das Ganze dennoch nicht mehr zu retten. Die einen gingen in den Schuldienst, die anderen in ihre Heimatstadt zurück und die dritten wurden freie Künstler. Jeder hat etwas anderes gemacht. Und von einigen Großgörschenern wurde der Wunsch an uns herangetragen, eine Galerie zu eröffnen. Und das haben wir dann im Oktober 1968 auch gemacht.

  • Und was hielten Sie von der Idee?

Ich war Lehrerin und eigentlich ganz zufrieden im Schuldienst. Aber dann kam 1966 unsere Tochter zur Welt, und ich habe an der Schule aufgehört. Da wir Zugezogene sind, hatten wir hier keine Verwandten, die auf das Kind hätten aufpassen können. Ich fand das aber nicht ausreichend, mich nur um das Kind zu kümmern, weswegen ich der Idee, eine Galerie zu eröffnen, nicht abgeneigt war. Ich ging ja auch immer mit zur Galerie Großgörschen und in die Puszta-Stuben, und ich fand das auch alles ganz spannend. Wir haben die Galerie dann in unserer Wohnung in der Niebuhrstraße in Charlottenburg eröffnet. Da gab es auch das berühmte Berliner Zimmer, das den hinteren und den vorderen Teil der Wohnung verbindet. Dieses Berliner Zimmer, ein Büro und ein weiterer kleiner Raum waren dann die Galerieräume. Angefangen haben wir mit Peter Sorge, dem wir jetzt auch die Ausstellung zu unserem 50-jährigen Jubiläum widmen. Auch Lambert Maria Wintersberger, Bettina von Arnim, Wolfgang Petrick und einige andere von den Großgörschenern, die wir später nicht mehr so gepflegt haben, weil sie nicht mehr so richtig ins Konzept der Galerie passten, waren dabei.

  • Wenn Sie die Namen der Künstler nennen, die Sie gepflegt haben, klingt das ja irgendwie schon wie das „Who is Who“, sind ja alles große Namen geworden.

Ja, aber zum Teil dann eben auch mehr oder weniger vergessen. Wenn man heute in den Kunstmarktberichten liest, was an Namen auftaucht, dann sind Sorge und Petrick selten dabei.

  • Und dennoch sind sie bekannt.

Ja sicher, wenn sich jemand eben nicht nur einseitig an den Bluechips orientiert, dann sind die Namen schon bekannt.

  • Kommen wir noch mal zurück zu Lambert Maria Wintersberger. In den 1980er Jahren haben Sie drei Einzelausstellungen mit ihm gemacht. Er hat in meinen Augen einen absoluten Werkbruch, bevor er angefangen hat, diese Fingerkuppen zu malen, diese popartige Malerei. Wir haben die Frühwerke gesehen, und wir konnten uns spontan nicht erklären, was passiert ist, dass er von heute auf morgen einen komplett anderen Stil entwickelte, der dann aber auch so einprägsam ist und letztendlich das ist, was man heute noch von ihm kennt.

Da gab es einen Sammler, der war reich geworden durch die Erfindung einer Salbe gegen Krampfadern und durch die Cosy Waschanlagen, der hatte ganz früh schon Lambert Maria Wintersberger, Sorge, Berges und eben auch Amerikaner und Engländer gesammelt und wollte, ich glaube 1979, Berlin verlassen und seine Sammlung verkaufen, die er unter anderem im Haus am Waldsee gekauft hatte. Dort waren auch die Neuen Realisten ausgestellt, wo auch eine ganze Menge der frühen Lambert Maria Wintersberger Bilder dabei waren, und die waren ganz anders.

  • Das sind ja gefühlt auch die Ersten, davor ist noch gar nichts von seinem eigenen Stil ausgeprägt.

Diese Pop Art-Bilder habe ich aus dieser Sammlung erworben, acht oder neun Bilder, und dann mehr oder weniger alle nach und nach an die Galerie Beyer verkauft. Die saß in Pforzheim und war spezialisiert auf diese frühen Sammlungen. Inzwischen gibt es diese Galerie nicht mehr.

  • In den 80ern haben Sie dann drei Einzelausstellungen von Wintersberger in der Galerie gezeigt.

Wir haben Lambert Maria Wintersberger und seine dritte Frau Dolores in Stuttgart besucht. Dort hatte er die Galerie Müller. Hans-Jürgen Müller hat unheimlich viel in die Wege geleitet und dafür gesorgt, dass Lambert Maria Wintersberger in verschiedenen Sammlungen gelandet ist. Dieser Hans-Jürgen Müller hat außerdem Atlantis erfunden. Ich weiß nicht, ob Sie davon schon einmal gehört haben?

  • Wie meinen Sie erfunden?

Der hat eine Insel im Mittelmeer vor Spanien aufgetan, die hieß Mariposa, auf der die Künstler alle was bauen und später auch beerdigt werden sollten. Darüber gibt es ein dickes Buch. Dieses Projekt 1984 war das erste und hieß Atlantis. Lambert Maria Wintersberger war mit dem Galeristen Müller sehr vertraut. Auf jeden Fall besuchten wir ihn in Stuttgart. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits mit Dolores zusammen. Sie kannte sich aus im Kunstbetrieb und ermutigte Lambert Maria Wintersberger immer wieder, setzte Preise fest und war später auch noch in Walbourg dabei. 2006 verstarb Dolores an Krebs. Seither ging es Lambert Maria Wintersberger nicht gut und er vereinsamte auf seinem Bahnhof, er war praktisch allein. Er neigte bereits zu Depressionen und später erkrankte er noch an irgendeiner Krankheit. Einen Tag vor seiner OP nahm er sich dann das Leben. Wir hatten ihn zuvor auch besucht. Es war alles sehr schlimm. Und, wie gesagt: Solange Dolores noch lebte, war er wohl auf.

  • War sie auch so etwas wie seine Managerin?

Ja. Sie war seine Muse, wie sie immer gesagt hat, aber sie war eben auch seine Managerin. Wir haben Lambert Maria Wintersberger damals auf der Messe in Los Angeles ausgestellt, das war eine Sache zur 750-Jahr-Feier Berlins; da hat Los Angeles eine Messe gegründet und Berliner Galerien eingeladen, weil Berlin und Los Angeles Sister-Cities sind. Die Standmiete war ermäßigt, und der Senat hat die Transportkosten übernommen.

  • Wann war das?

Ich glaube im Dezember 1986. Da musste man sich bewerben, und jede Galerie entschied sich für einen Künstler. Wir haben uns für Wintersberger entschieden. Die Messe fand in Downtown statt. Das war zu dieser Zeit noch eine No-Go-Area in Los Angeles. Da kam keiner von den Reichen.

  • Warum?

Weil es gefährlich war. Und wir standen da, wir armen Berliner, hatten von Tuten und Blasen keine Ahnung und warteten auf Besucher. Aber es kamen keine. Eines Tages kam dann doch eine Gruppe älterer Herrschaften und einer aus dieser Gruppe, ein Herr, sagte, er wolle ein Aquarell von Lambert Maria Wintersberger kaufen. Nach diesen Erfahrungen habe ich das nicht geglaubt. Eine Frau sagte, ich könne dem Herrn glauben, er würde es wirklich kaufen. Naja, also er sagte dann: „Ich bin Mr. Wilder.“ Darauf habe ich nicht reagiert, und er wiederholte den Namen. Ich antwortete, „Billy Wilder? Ich dachte, der wäre schon tot.“ (lacht). Die Bilder und wir waren schon wieder in Berlin, da orderte Wilder dann noch ein großes Aktbild, das dann wieder nach Los Angeles verschifft wurde.

  • Das klingt nach einem sehr guten Kontakt.

Billy Wilder ist ja nun eine Größe, nicht? Er war natürlich ein Weltstar! Wir haben ihn später auch besucht, er hatte uns zu sich nach Hause eingeladen und später auch in das berühmte italienische Restaurant Spargo. Auf jeden Fall hatte die Messe in Los Angeles im Convention Center weitreichende Folgen, denn nicht nur Billy Wilders kaufte Bilder von Lambert Maria Wintersberger, sondern auch jemand, der ihn später zu einem Stipendium einlud.

  • Und so kam der Amerika-Aufenthalt zustande?

Ja, in Omaha, wo er dann das Amerikanische Tagebuch gemalt hat. Im Anschluss haben wir das Amerikanische Tagebuch bei uns in der Galerie ausgestellt.

  • Da gibt es ja dann noch mal einen Bruch, denn in diesem Amerikanischen Tagebuch ist wieder alles gestisch wild figurativ.

Ja, aber figurativ hat er auch vorher schon gemalt.

  • Ich meine seine glatte Pop-Art-Phase, so hat er dann nie wieder gemalt.

Nein, Pop Art hat er dann nicht mehr gemalt. Er war sowieso ein Einzelgänger, eigentlich war er das immer. Er hat sich immer wieder neue Themen gesucht und diese malerisch ausgereizt.

  • Da waren beispielsweise auch diese Bunker, die in Frankreich liegen.

Ja, die Maginot-Linie. Da war er in Frankreich. Er hat immer auf seine Umgebung reagiert, zum Beispiel die Wald- oder Pilz-Bilder, die jetzt bei Würth in der Sammlung hängen.

  • Ja, wunderbare Pilz-Bilder. Und in meinen Augen gab es wirklich noch mal einen Bruch nach dieser Phase. Hatte er dann genug davon, so zu malen?

Diese „amerikanische Phase“, mit den Umrissen und Verletzungen hatte er über gehabt.

  • Er hatte sich nun sozusagen ausgetobt?

Ja, wie sagt man so schön: Es war für ihn nun keine Herausforderung mehr. Das konnte er aus dem Effeff, und das hat er auch gut verkauft, aber es interessierte ihn nicht mehr. Er wollte dann wild malen, und das erste Bild, das wir dann hatten, war ein Motorradfahrer mit einer Binde am Kopf. Das war, wenn ich mich richtig entsinne, sein erstes wildes Bild. Er hatte auch ein ganz wildes Rennauto gemalt, das ein Sammler aus Düsseldorf erworben hat. Es interessierte ihn sozusagen nicht mehr, diese glatte Art der Malerei hatte er ausgereizt.

  • Sich selbst zu wiederholen oder sich selbst auch mal zu zwingen, das war nicht seine Art?

Nein, offensichtlich hat ihn das deprimiert, immer dasselbe. Das wollte er nicht mehr.

Eva und Lothar C. Poll im Atelier bei L. M. Wintersberger (Bildquelle Eva Poll)
  • Wie würden Sie persönlich das Gesamtwerk von Lambert Maria Wintersberger im Kontext der deutschen Kunstgeschichte einordnen?

Ich würde ihn als sehr starken Künstler einschätzen, der ein Einzelgänger war und einen ganz eigenen Stil hatte, vielleicht noch zu vergleichen mit Tadeusz, der auch ein Außenseiter war und dessen Werk auch nicht gebührend gewürdigt wird. Seit seinem Tod erzielen die Bilder auf Auktionen höhere Preise, speziell in England, aber dennoch weit unterschätzt. Bei Lambert Maria Wintersberger ist es ähnlich.

  • Sie haben den Preis mit ins Kalkül gezogen. Wenn man es aber ohne den Preis betrachtet, würden Sie sagen, dass sich Lambert Maria Wintersbergers Werk auch mit dem von Lüpertz oder anderen Werken großer Künstler messen kann?

Ja, das würde ich sagen. Nur hatte Lambert Maria Wintersberger das Handicap, dass er kaum etwas gesagt hat.

  • Würden Sie sagen, dass das eine wichtige Eigenschaft ist, damit letztlich ein Werk auch gebührend Würdigung findet?

Billy Wilder hatte ja Bilder von Wintersberger gekauft und Dolores hat mich so lange gequält, bis ich ihr die Adresse von Billy Wilder gegeben habe. Als Wintersbergers dann in Amerika waren, besuchten sie ihn und er lud sie ebenfalls ins Spargo ein. Hellmuth Karasek war der Biograf von Billy Wilder, und er schrieb die Memoiren von ihm. Darin kommt eine Szene vor, in der Billy Wilder völlig entsetzt ist und sagt:

„Der sagt den ganzen Abend nichts! Der sagt ja das ganze Essen über nichts!“. Er konnte nicht aus sich rausgehen.

  • Wie haben Sie das bei Ausstellungseröffnungen gestaltet, wenn ein so extrem introvertierter Künstler gezeigt wurde?

Dolores sprach für ihn, sie ließ ihn nicht allein. Wir hatten eine Gästewohnung am Lützow-platz, und dort haben die beiden in dieser Zeit gewohnt. Nach den Ausstellungseröffnungen gingen wir noch in das Lokal nebenan. Wenn da die alten Genossen und Kollegen kamen, unterhielt er sich natürlich auch mit denen. Aber es gab eben immer wieder lange Strecken des Schweigens.

  • Aber Sie konnten gut mit ihm umgehen?

Ja!

  • Vielleicht hatte es auch etwas damit zu tun, ob er Vertrauen gefasst hatte. Nochmal zu der Ausstellung 2016, was haben Sie da für eine Resonanz erhalten? Was haben Sie für Erfahrungen gemacht?

Es waren vor allem die frühen Bilder von Lambert Maria Wintersberger, also die 60er Jahre, das kam sehr gut an. Es waren aber auch neuere Arbeiten dabei, wie zum Beispiel das Matterhorn.

  • Das kommt ja auch in der Würth-Sammlung vor.

Es gab immer wieder Themen, die ihn gepackt haben, die er dann in verschiedenen Variationen ausgelebt hat. Das Matterhorn taucht ja mehrfach auf, ebenso wie die Pilze. Und als er dann auf Bali war, hat er auch die Tänzer, Palmen und Kokosnüsse gemalt. Mit diesen Motiven gibt es auch eine ganze Serie von Kartonschnitten. Wir haben sie mal in der Galerie der Kunststiftung Poll ausgestellt, in deren Sammlung sich auch einige Arbeiten von Wintersberger befinden. Er hat sich sehr unterschiedlichen Themen gewidmet, aber immer sehr intensiv.

  • Vielen Dank für das Gespräch.

 

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.